
Mit 120 kg Systemgewicht über die Alpen – warum mich diese Tour heute an den Ironman glauben lässt
Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal einen Ironman machen will, hätte ich wahrscheinlich gelacht und dabei irgendeinen Burger gegessen.
Heute lache ich zwar immer noch viel, aber inzwischen denke ich:
„Okay… vielleicht ist das gar nicht komplett unrealistisch.“
Und ehrlich gesagt begann dieser Gedanke nicht im Schwimmbad.
Nicht beim Laufen.
Nicht im Gym.
Sondern irgendwo mitten in den Alpen.
Mit einem komplett überladenen Gravelbike.
Und ungefähr 120 kg Systemgewicht.
Also:
- ich
- das Bike
- Gepäck
- Wasser
- Werkzeug
- Essen
- und vermutlich emotional auch noch drei unnötige Ersatzteile.
- Habe ich meinen Klappstuhl schon erwähnt ^^ 😀
Kurz gesagt:
Nicht gerade Aero-Optimierung.

Die Tour war eigentlich komplett bescheuert
Rückblickend muss man das einfach so sagen.
Denn die Route bestand nicht aus:
„bisschen entspannt Radfahren.“
Sondern eher aus:
„Wie viele Berge kann man eigentlich freiwillig hintereinander hochfahren, bevor man beginnt mit seinem Navi zu diskutieren?“
Die einzelnen Etappen waren teilweise komplett absurd. Ich bin das Timmelsjoch hoch und runter und danach den Jaufen-Pass wieder hoch und runter.
Jetzt hab ich vom Timmelsjoch schon gehört das es eine der krassesten Passagen ist 😀 aber vom Jaufen-Pass noch nicht. Er ist genauso schlimm. Aber was tut man nicht alles um das Bärengebiet in Italien zu meiden.
Am Ende waren es dann 10000hm.
Etappe 1
Reichelsheim → Raum Dörzbach
- 96,7 km
- 1418 Höhenmeter
- 9:16 h
Der Anfang war noch relativ euphorisch.
Da denkt man:
„Ja gut, das wird hart, aber machbar.“
Man ist motiviert.
Die Beine sind frisch.
Der Rücken funktioniert noch.
Man fühlt sich fast sportlich.
Das hielt ungefähr bis zum ersten längeren Anstieg.
Etappe 2
Dörzbach → Raum Augsburg
- 83,2 km
- 893 Höhenmeter
- 6:48 h
Da begann langsam die Realität.
Der Körper merkt:
„Achso. Das ist kein Tagesausflug. Das geht morgen weiter.“
Genau da beginnt Bikepacking interessant zu werden.
Nicht die erste Belastung.
Sondern die zweite.
Die dritte.
Die vierte.
Etappe 3
Richtung Mönchsroth
- 124,9 km
- 731 Höhenmeter
- 9:25 h
Über 120 Kilometer mit Gepäck klingen erstmal romantisch.
Bis man merkt:
120 Kilometer mit Gepäck bedeuten auch:
- Hände taub
- Nacken fest
- Hintern zerstört
- Essen wird plötzlich wichtiger als jede Philosophie des Lebens.
Ich habe unterwegs teilweise gegessen wie ein Labrador nach einer Fastenkur.
Etappe 4
Richtung Kissing
- 125,1 km
- 909 Höhenmeter
- 8:43 h
Da kam langsam dieser Modus:
„Einfach weiter.“
Nicht schnell.
Nicht elegant.
Nicht effizient.
Einfach weiter.
Und das ist rückblickend wahrscheinlich eine meiner größten Stärken:
Ich bin aktuell vielleicht kein optimaler Ausdauerathlet.
Aber ich kann sehr lange unangenehme Dinge machen.
Und dann kamen die Alpen
Bis dahin war es anstrengend.
Ab den Alpen wurde es persönlich.
Wallgau → Tirol
- 90,4 km
- 1068 Höhenmeter
- 12:19 h
12 Stunden.
ZWÖLF.
Und dabei war das noch nicht mal die schlimmste Etappe.
Irgendwann verliert man komplett das Gefühl für Zeit.
Man existiert einfach nur noch zwischen:
- treten
- essen
- schwitzen
- fluchen
- trinken
- weiterfahren.
Umhausen → Hochalpin
- 42 km
- 1243 Höhenmeter
- 6:50 h
Das war der Moment, wo die Geschwindigkeit langsam Wander-Niveau erreicht hat.
6 km/h Durchschnitt.
Ich glaube manche Menschen gehen schneller zum Bäcker.
Aber:
Wenn man mit Gepäck stundenlang Alpenanstiege hochfährt, lernt man Demut.
Und man lernt:
Gewicht spielt bergauf plötzlich SEHR WOHL eine Rolle.
Sölden-Etappe
- 100 km
- über 2000 Höhenmeter
- fast 11 Stunden
Das war vermutlich der Tag, an dem ich mental am meisten gelernt habe.
Denn irgendwann kann man Berge nicht mehr „besiegen“.
Man akzeptiert sie einfach.
Die Alpen interessieren sich nicht dafür:
- wie motiviert du bist
- wie stark du bist
- wie gerne du jetzt unten wärst.
Sie stehen einfach da und machen dich langsam kaputt.
Sehr effizient übrigens.
Das Verrückte daran
Trotzdem ging es weiter.
Tag für Tag.
Weitere Etappen
Vandoies
- 56,8 km
- 835 hm
- 8 h
Dobbiaco
- 46,9 km
- 357 hm
- knapp 5 h
Perarolo di Cadore
- 110 km
- knapp 10 h
Treviso → Meer
- 56 km
- nur noch 79 hm
- endlich flach
- endlich Meer.
Und genau dort wurde mir etwas klar:
Normale Menschen machen sowas nicht einfach spontan.
Warum mich diese Tour heute motiviert
Die Alpenüberquerung war wahrscheinlich der erste echte Beweis dafür, dass in mir deutlich mehr Ausdauerpotenzial steckt als ich lange dachte.
Denn:
Damals war ich nicht leicht.
Nicht effizient.
Nicht triathletisch.
Eigentlich war ich eher:
„kräftiger Typ mit guter Leidensfähigkeit und fragwürdiger Ernährungsstrategie.“
Und trotzdem funktionierte es.
Heute bin ich zwar immer noch weit entfernt vom Ironman-Athleten, der ich in 12–14 Monaten sein will.
Aber genau diese Rückblicke motivieren mich brutal.
Weil ich sehe:
- ich habe bereits lange Belastungen bewältigt
- ich kann mehrere Tage hintereinander Leistung bringen
- ich kann mich durchbeißen
- und mein Körper hält deutlich mehr aus, als ich früher dachte.
Trotzdem muss sich etwas ändern
Denn eines wurde dort auch brutal klar:
Nur weil man etwas mit viel Gewicht schaffen KANN, heißt das nicht, dass es sinnvoll ist.
Vor allem nicht Richtung Ironman.
Beim Radfahren kann man Gewicht teilweise noch kompensieren.
Beim Schwimmen und Marathon eher weniger.
Deshalb besteht der Plan jetzt nicht daraus:
noch härter zu werden.
Sondern:
- leichter
- effizienter
- aerob stärker
- technisch besser
- und trotzdem kräftig zu bleiben.
Genau deshalb:
- viel Zone 2
- gelenkschonendes Volumen
- Schwimmen
- Radfahren
- Krafttraining für Muskelerhalt
- kontrollierter Fettverlust.
Nicht maximal shredded Bodybuilder – shredded hat bisher nie geklappt ich esse einfach zu gerne 😀 .
Nicht ultraleichter Marathonläufer.
Sondern:
ein Hybrid-Athlet, der einen Ironman finishen kann.
Oder zumindest jemand, der im Wasser irgendwann nicht mehr aussieht wie ein panischer Kühlschrank.