
Was ich aus 72 km Megamarsch gelernt habe
Der Megamarsch war komplett verrückt.
Aber ehrlich gesagt:
genau solche Sachen liebe ich.
Nicht weil sie angenehm sind.
Sondern weil man dort Dinge über sich lernt, die man in normalen Alltagssituationen nie merkt.
Und ja:
Sich zu pushen ist gut.
Nicht komplett sinnlos alles zerstören.
Aber bewusst an Grenzen gehen?
Definitiv wertvoll.
Die ersten 25 km – Komplett entspannt
Am Anfang war alles easy.
Man läuft los.
Bisschen reden.
Bisschen snacken.
Bisschen Landschaft anschauen.
Man denkt:
„Ja okay… das läuft.“
Großer Fehler natürlich.
Denn die ersten Stunden haben ungefähr nichts damit zu tun, wie man sich später fühlen wird.
Kilometer 25 – Die Füße sagen Hallo
Ab km 25 kamen die ersten Schmerzen in den Füßen.
Also habe ich meine Walkingstöcke ausgepackt.
Problem:
Ich war vorher exakt nie damit gelaufen.
Semi gute Idee.
Aber immerhin sah ich jetzt professioneller aus.
Der Nutzen war jetzt nicht weltbewegend.
Aber egal.
Weiter.
Und genau das ist irgendwie das Interessante an solchen Events:
Man hört auf ständig alles zu bewerten.
Man läuft einfach weiter.
Kilometer 35 – Jetzt wird’s interessant
Ab km 35 dachte ich langsam:
„Okay… das sind inzwischen schon wilde Schmerzen.“
Aber:
weiter.
Dann wurde die Strecke endlich etwas hügeliger.
Und plötzlich fühlten sich die Füße kurzfristig sogar besser an.
Nicht weil irgendwas geheilt war.
Sondern einfach:
andere Belastung.
Mein Körper war basically schon dankbar für jede minimale Abwechslung.
Kilometer 45 – Komplett in the Zone
Das war wahrscheinlich der beste Teil des ganzen Marsches.
Sonnenuntergang.
Schönes Licht.
Angenehme Temperaturen.
Richtig gute Stimmung.
Und plötzlich war ich komplett gehyped.
Alles fühlte sich leicht an.
Obwohl natürlich schon längst alles weh tat.
Aber genau das ist wahrscheinlich dieses „in the zone“-Gefühl, von dem Leute immer reden.
Man ist:
- müde
- kaputt
- komplett drüber.
Und gleichzeitig denkt man:
„Das ist gerade irgendwie richtig geil.“
Dann ging es bergab ich mir Musik angemacht, mitgesungen und angefangen den Weg runter zu joggen. Die Leute müssen absolut überzeugt gewesen sein das ich irre bin. Egal Gott sei Dank bin ich nicht hingefallen. Smart war es nicht auf Schotter nach 8h Wandern plötzlich das Joggen für mich zu entdecken.
Kilometer 50 – Die Nacht macht alles härter
Dann kam die Dunkelheit.
Und plötzlich wurde alles deutlich unangenehmer.
Still.
Dunkel.
Trist.
Zusätzlich meldete sich dann auch noch mein Magen.
Das billige Essen und die ganzen Riegel wollten anscheinend diskutieren.
Sehr unnötiges Timing.
Aber genau solche Sachen machen Langdistanz irgendwie spannend.
Irgendwann funktioniert einfach nichts mehr perfekt.
Und genau dann muss man trotzdem weitermachen.
Kilometer 65 – Jetzt wird’s absurd
Es war ungefähr 2 Uhr morgens.
Und die Schmerzen wurden langsam komplett geisteskrank.
Die Fußballen fühlten sich an, als würden sie platzen.
Die Schmerzen gingen:
- in die Waden
- bis in die Kniekehlen.
Normales Gehen war vorbei. 10min Laufen. Pause. Schmerzen verabeiten.
Ab da gab es nur noch:
kleine Tippelschritte wie ein NPC mit kaputtem Bewegungsalgorithmus.
Das einzig wirklich Positive:
Keine Blasen.
Doppellagige Socken + eingelaufene Schuhe = absolute Champions-League-Entscheidung.
Aber:
Das hohe Gewicht hatte seinen Preis.
Und genau dort kam wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis:
Mein Kopf wollte weitermachen.
Mein Herz-Kreislauf-System wahrscheinlich auch.
Aber Gelenke und passive Strukturen hatten komplett genug.
Und genau sowas lernt man nur,
wenn man sich wirklich mal fordert.
Kilometer 70 – Vernunft gewinnt knapp
- Verpflegungsstation.
Noch:
- 30 km
- noch 700 hm.
Und dort war klar:
Das Ding wird heute nichts mehr.
Nicht weil der Wille weg war.
Der Wille war komplett da.
Aber objektiv:
zu viele Schmerzen.
Und genau DAS ist auch Teil solcher Erfahrungen:
Lernen wann pushen sinnvoll ist…
und wann man einfach akzeptieren muss:
„Okay das reicht heute.“
Ich quälte mich noch irgendwie Richtung Kochelsee.
Fand dort eine Relaxliege.
Und rief mein Bailout-Taxi an.
Großes Danke an Katharina und Tina übrigens.
Die haben mich unterwegs immer wieder motiviert und besucht.
Sogar abends um 11 Uhr noch.
Das hilft mental mehr als man denkt.
Der Endgegner: Wieder aufstehen
Ich legte mich auf die Liege.
Augen zu.
Boom.
Sofort weg.
1,5 Stunden später:
Sonnenaufgang.
Wirklich wunderschön.
Dann musste ich aufs Klo.
15 Meter entfernt.
Diese 15 Meter waren wahrscheinlich die härtesten des gesamten Events.
Die Beine komplett steif.
Alles tat weh.
Jede Bewegung sah aus wie ein sehr schlechter Zombie-Walk.
Nach ungefähr drei Tagen konnte ich wieder halbwegs:
- normal laufen
- Treppen steigen
- mich hinsetzen ohne innerlich zu schreien.
Rückblickend:
Absolut worth it.
Was der Megamarsch für mein Ironman-Training verändert hat
Der Megamarsch hat mir wahrscheinlich klarer als alles andere gezeigt:
Mein Kopf kann lange Belastungen ziemlich gut ab.
Das Problem war nie der Wille.
Das Problem waren irgendwann:
- Füße
- Gelenke
- passive Strukturen
- das Körpergewicht über viele Stunden Belastung.
Und genau deshalb hat dieses Erlebnis meine Sicht auf das Ironman-Training verändert.
Früher war mein Gedanke oft:
„Einfach weiter durchziehen.“
Mittlerweile ist klar:
Effizienz wird extrem wichtig.
Denn irgendwann gewinnt einfach die Physik.
Egal wie motiviert man ist.
Das Gewichtsthema reale Probleme
95 kg im Alltag?
Kein Problem.
95 kg auf dem Fahrrad?
Funktioniert erstaunlich gut.
95 kg über sehr lange Geh- oder Laufbelastungen?
Ganz andere Geschichte.
Der Megamarsch war wahrscheinlich der erste Moment, in dem ich wirklich verstanden habe:
Jedes unnötige Kilogramm kostet irgendwann massiv Energie.
Nicht nur vom Puls her.
Sondern mechanisch.
Die Belastung summiert sich Stunde für Stunde:
- Füße
- Knie
- Waden
- Sehnen.
Und genau deshalb ist Gewichtsreduktion inzwischen kein:
„Wäre vielleicht sinnvoll.“
Sondern ein wichtiger Teil des Projekts.
Nicht Richtung:
- ultraleichter Triathlet
- komplett dünn
- alles verlieren.
Sondern einfach:
leichter.
effizienter.
belastbarer.
Vor allem der Marathon bekommt plötzlich Respekt
Ironischerweise macht mir das Schwimmen technisch zwar die meisten Probleme…
Aber der Marathon ist inzwischen die Disziplin, vor der ich am meisten Respekt habe. Denn auch beim Halbmarathon war ein Problem am ende meine Fußsohlen diesmal laufe ich mit Einlagen eine deutliche verbesserung.
Denn nach:
- 3,8 km Schwimmen
- 180 km Radfahren
kommt immer noch ein kompletter Marathon.
Und genau dort wird Gewicht richtig teuer.
Der Megamarsch hat mir gezeigt:
Mein Wille kann lange weitermachen.
Aber:
Gelenke und Füße haben irgendwann ihre Grenzen.