
Was meine Halbmarathon-Vorbereitung eigentlich über mich verrät
Vor ein paar Jahren bin ich einen Halbmarathon in Mainz gelaufen.
Am Ende standen ungefähr 2:03 Stunden auf der Uhr.
Jetzt wird wahrscheinlich kein Elite-Läufer nervös, wenn er diese Zeit liest.
Aber ehrlich gesagt ist die Zeit selbst gar nicht das Interessante daran.
Spannender sind eigentlich die Umstände.
Damals:
- ungefähr 92–93 kg Körpergewicht
- Krafttraining parallel
- keine besonders elegante Lauftechnik
- Herzfrequenzen teilweise irgendwo zwischen „sportlich ambitioniert“ und „kurz vor Verhandlung mit dem Jenseits“.
Also im Grunde genau die Art von Vorbereitung, bei der ein Laufcoach wahrscheinlich leicht nervös anfangen würde zu blinzeln.
Mein Puls war schon immer… speziell
Eine Sache, die sich durch fast alle alten Daten zieht:
Mein Puls ist relativ hoch.
Und zwar nicht nur bei maximaler Belastung.
Sondern gefühlt grundsätzlich immer, sobald mein Körper merkt:
„Ah, wir machen heute wieder Sport.“
Damals sahen viele meiner Läufe ungefähr so aus:
- lockerer Lauf -> 165–175 bpm
- etwas schneller -> 175–185 bpm
- alles darüber -> nahe Todessternmodus
Klingt erstmal komplett falsch.
Hat mich damals ehrlich gesagt auch oft verunsichert.
Vor allem wenn man online ständig liest:
„Zone 2 bei 130 Puls ganz entspannt.“
Währenddessen war ich bei ähnlicher Belastung teilweise schon kurz davor, mit meiner Uhr über Lebensentscheidungen zu diskutieren.
Irgendwann wurde mir aber klar:
Ich bin einfach eher ein Hochpulser.
Meine HFmax liegt über 200.
Mein Ruhepuls dagegen oft im normalen bis guten Bereich.
Das bedeutet:
Die absoluten Zahlen wirken oft brutaler als die tatsächliche Belastung.
Trotzdem war natürlich auch klar:
Nur weil mein Puls genetisch eher hoch liegt, heißt das nicht automatisch, dass jede Einheit sinnvoll war.
Viele Läufe waren definitiv zu hart.
Teilweise bestand meine Trainingssteuerung damals aus:
„Fühlt sich machbar an, also weiter.“
Überraschenderweise kein hochwissenschaftlicher Ansatz.
Trotzdem konnte ich Belastung akkumulieren
Trotz der hohen Herzfrequenzen konnte ich:
- regelmäßig trainieren
- Longruns absolvieren
- Belastung aufbauen
- und den Halbmarathon solide finishen.
Das Interessante daran:
Ich war damals schon kein typischer Läuferkörper.
Nicht leicht.
Nicht effizient.
Nicht ökonomisch.
Und ehrlich gesagt wahrscheinlich auch nicht besonders schlau im Belastungsmanagement.
Viele meiner „lockeren Läufe“ waren auf Garmin eher als:
„Warum genau macht er das?“
klassifiziert.
Aber genau dort habe ich rückblickend etwas Wichtiges gelernt:
Mein größtes Talent ist wahrscheinlich nicht Effizienz.
Sondern:
Belastung tolerieren zu können.
Das klingt erstmal weniger spektakulär als:
„genetisch perfekter Ausdauerathlet“.
Ist für lange Projekte aber vermutlich deutlich wertvoller.
Denn beim Ironman gewinnt am Ende nicht derjenige, der einmal brutal trainieren kann.
Sondern meistens:
derjenige, der monatelang konstant auftaucht.
Was damals trotzdem offensichtlich war
Selbst mit dem Halbmarathon wurde eigentlich schon klar:
Gewicht spielt eine große Rolle.
Denn obwohl die Ausdauer grundsätzlich funktioniert hat, war fast alles:
- relativ anstrengend
- pulsintensiv
- ineffizient.
Damals habe ich das teilweise einfach ignoriert.
Heute verstehe ich besser:
Nur weil man etwas durchbeißen kann, heißt das nicht automatisch, dass es effizient ist.
Und genau das ist wahrscheinlich einer der größten Unterschiede zwischen meinem früheren Training und dem jetzigen Ansatz.
Früher:
- einfach machen
- irgendwie durchziehen
- Belastung maximal akkumulieren.
Heute:
- smarter trainieren
- Gewicht reduzieren
- Belastung besser steuern
- nicht jede Einheit in ein Überlebensexperiment verwandeln.
Auch wenn mein Gehirn manchmal noch anderer Meinung ist.
Rückblickend war der Halbmarathon wichtig
Nicht wegen der Zeit.
Sondern weil er gezeigt hat:
Die Grundlage für lange Belastungen war schon damals da.
Selbst mit:
- relativ hohem Gewicht
- mittelmäßiger Effizienz
- chaotischer Steuerung.
Das gibt mir heute tatsächlich Vertrauen für das Ironman-Projekt.
Nicht nach dem Motto:
„Wird schon easy.“
Sondern eher:
„Okay… vielleicht bin ich doch nicht komplett ungeeignet für den ganzen Wahnsinn.“
Warum mich diese alten Daten heute motivieren
Rückblickend war genau das wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich das Ironman-Projekt überhaupt ernst genommen habe.
Denn bevor ich die alten Daten nochmal angeschaut habe, war mein Gedanke oft eher:
„Vielleicht bin ich einfach zu schwer für sowas.“
Aber wenn man dann sieht:
- Halbmarathon mit über 90 kg
- regelmäßige Longruns
- hohe Belastungen trotz mittelmäßiger Effizienz
- konstantes Training über Wochen
…dann wird plötzlich klar:
Die Grundlage war eigentlich schon einmal da.
Nicht perfekt.
Nicht elegant.
Aber vorhanden.
Und genau das hat mich extrem motiviert weiterzumachen.
Nicht weil die alten Leistungen plötzlich außergewöhnlich wirken.
Sondern weil sie zeigen:
Mein Körper scheint grundsätzlich auf Ausdauertraining reagieren zu können.
Selbst wenn aktuell noch vieles chaotisch wirkt.
Gerade beim Schwimmen fühlt es sich manchmal eher an, als würde ich aktiv gegen Evolution und Physik gleichzeitig antreten.
Aber die alten Daten erinnern mich daran:
Ich habe schon einmal Belastungen bewältigt, die ich mir vorher ebenfalls nicht wirklich zugetraut hätte.
Und genau deshalb fühlt sich der Ironman mittlerweile nicht mehr komplett unrealistisch an.